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Anders als andere!?

Ich will nicht anders als andere sein. Ich möchte normal sein.


Ich bin gebeten worden, mich diesem Thema anzunehmen. Ganz ehrlich, finde ich es eine sehr interessante Thematik. Allerdings muss ich gestehen, dass ich mittlerweile genug alt bin und reif genug – das klingt doch etwas lustig in meinen Ohren, aber entspricht dennoch ganz gut meinem jetzigen Dasein :D - und ich es fast schon toll finde, anders zu sein. Das muss nicht einmal auf den Diabetes bezogen sein. Jeder von uns ist individuell, einzigartig. In all unseren Köpfen ist allerdings so ein Bild darüber was „normal“ ist, abgespeichert. Und alles, was dem nicht entspricht ist demzufolge „abnormal“, sprich „schlecht“.

Manchmal lässt einem die Gesellschaft, das eigene Umfeld spüren, dass man „anders“ ist. Teilweise hadert man mit sich selbst/kann sich selbst nicht akzeptieren. Gerne vergleicht man sich dann mit anderen und möchte so sein wie diese. Und DIESE sind dann halt in unseren Augen auch „normal“. Häufig ist es eine Kombination aus beidem.

Nur zu gut kenne ich das Anders sein von früher. Ich hasste es. Immer wollte ich „normal“ sein.

Gerade diese Woche war ich bei meinem Diabetologen und durfte mich mal wieder auf die Wage stellen. Bei meiner Grösse von 1.73 Meter wiege ich knapp mehr als 50Kg. Mir ist bewusst, dass dies zu wenig ist. Mein ganzes Leben quälte ich mich mit Selbstzweifeln, Selbsthass und unzähligen Ängsten, weil ich nicht zunehmen konnte -immer noch nicht wirklich kann - und mich mein Umfeld früher dies auch spüren liess. Kein Tag verging, an dem ich nicht ausgelacht und gehänselt wurde. Ich war in der Schule, auf dem Pausenplatz, in der Freizeit das Skelett, die Bohnenstange, die Magersüchtige, etc. Und man stelle sich vor, dies alles war ich bereits in der 1.Klasse. Wie sehr wünschte ich mir nur eines: Normal sein. Kinder können grausam sein, das erlebte ich am eigenen Leib. Mittlerweile bin ich selber Lehrerin und möchte verhindern, dass je ein Kind, zumindest immer in der Klasse, die ich unterrichte, so leiden muss, wie ich es damals tat. Kaum vorstellbar ist es auch, was solche Gemeinheiten mit der eigenen Psyche anstellen. Lange brauchte ich bis ich mich und meinen Körper akzeptiert habe. Auch jetzt gibt es teilweise noch Momente, bei denen das Ganze wieder auflodert und ich mit mir „kämpfe“. Aber ich verstecke mich nicht mehr und mich lassen doofe Sprüche – wenn sie doch einmal noch vorkommen - meistens kalt. Und auch wenn ein Arzt meint, ich sei zu leicht, erwidere ich lächelnd, dass ich das einfach nicht ändern könne und es immer schon so war. Ich bin so wie ich bin und das ist gut so. Am Anfang schrieb ich, dass ich es mittlerweile fast schon toll finde „anders“ zu sein. Viele nehmen nach dem 20igsten Lebensjahr zu und können nicht einfach mehr essen, was sie wollen oder müssen mehr Sport treiben, um dem entgegenzuwirken. Ich kann immer noch alles essen, ohne wirklich zu zunehmen, Sport treibe ich wenn dann aus Spass und das alles nach Lust und Laune. Erstaunlicherweise bekommt man als Erwachsene ebenfalls von zahlreichen Menschen Komplimente für eine schlanke Figur und neidische Blicke, v.a. auch dann wenn ich noch sage, dass ich nicht zunehmen könne. Viele wünschen sich das anscheinend.


Da ich diese, ich nenne es einmal Entwicklung, über das Anderssein bereits durchgemacht und ich meine Diagnose Diabetes Typ 1 nicht im Kindesalter bekommen habe, erleichtert es mir vieles. Ich will mich nie wieder schlecht fühlen, weil ich ICH bin und vielleicht „nicht normal“ in den Augen von gewissen Menschen. Jeder hat das Recht auf der Welt zu sein, jeder ist toll in seiner Weise und niemand muss sich verstecken. Je mehr du dich akzeptierst und all das machst, was dir gut tut und Spass bereitet, je mehr sehen das andere und bewundern dich für deinen Mut und deine Kraft wie du mit deiner Krankheit den Alltag meisterst. Und was noch mehr zählt: Du lebst für dich, nicht für andere;)


Ich weiss, all das klingt simpel und behebt nicht einfach so irgendwelche Gefühle oder kann einem von heute auf morgen ändern. Es ist bestimmt nicht einfach, vor allem wenn man noch ein Kind ist, all das zu verstehen. Als Kind kann es vielleicht helfen, wenn du über deine Krankheit sprichst, deinen Freunden deine neusten Gadgets/Sticker etc. zeigst und ihnen erklärst, wie du den BZ machst, dich spritzt, du es vorzeigst oder auch ihnen einmal den BZ misst. Die meisten finden das super interessant und werden dann auch nicht mehr komisch gucken oder sogar anderen die komisch schauen, erklären, was du hast.


Übrigens: Wenn Eltern von einem Kind mit Diabetes diesen Text lesen und vielleicht auch gerne einmal hätten, dass ich mit ihrem Kind einmal in die Schule gehe und der Klasse die Krankheit vorstelle und zeige, dass es mehrere Menschen mit dieser Krankheit gibt und dass es nichts ist, wovor man sich zu verstecken braucht, darf man mich sehr gerne anschreiben.


Ich hoffe, dass ich mit diesem sehr persönlichen Artikel einige zum Nachdenken und oder auch einen Schubs Richtung mehr Selbstakzeptanz bringen konnte.

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