• Tamara

Diabetes und Essstörungen



Dieses Thema liegt mir sehr am Herzen und es wird wohl immer wieder einen Blogbeitrag dazu geben. Essstörungen bei Frauen und Männern mit einem Typ 1-Diabetes. Als ich eine Essstörung entwickelte, war ich immer die einzige mit der Kombination Diabetes und Essstörung. Heute ist so vieles klarer und es ist mir unheimlich wichtig, Aufklärungsarbeit zu leisten. Eine Essstörung ist nicht immer offensichtlich.

Ich möchte darauf aufmerksam machen, dass diese Texte für Personen, die aktuell mit einer Essstörung kämpfen, Trigger darstellen könnten.

In diesem Blogbeitrag erzähle ich den Beginn meiner Geschichte. Mit zwölf Jahren wurde bei mir Diabetes Typ 1 diagnostiziert. Damals fand ich es noch nicht schlimm und genoss es zum Teil, ein bisschen mehr Aufmerksamkeit zu bekommen. Doch damals begann gerade meine Pubertät. Vor der Diagnose nahm ich so viel ab und war sehr dünn. Das spielte damals aber noch keine grosse Rolle für mich. Das änderte sich mit der Therapie schlagartig. Ich nahm zu (am Anfang auch sehr nötig) und auf einmal lag mein Gewicht immer eher an der oberen Grenze des Normalgewichts. Die ständigen Kontrollen im Kinderspital beinhalteten neben der Prüfung des HbA1c auch immer Grösse und Gewicht. Und irgendwann wurde das für mich zum Problem. Den ganzen lieben langen Tag beschäftigen wir uns mit dem Essen. Essen abwägen, Kohlenhydrate berechnen, etc. Vor allem zu Beginn, als ich noch mit dem Zwei-Spritzen-System eingestellt war, wurde das Essen immer mehr zur Belastung, weil gegessen werden musste, egal ob ich mochte oder nicht. Schleichend, etwa zu Beginn meines vierzehnten Lebensjahres, fand ich mich immer dicker, wurde sehr unzufrieden und versuchte, Gewicht zu verlieren. Ich denke, bei den meisten ist das ein Prozess, der mit einer „Diät“ beginnt. Schnell habe ich gemerkt, dass der Einfluss von Kohlenhydraten (= dafür spritzen = mehr Insulin) nicht zu unterschätzen war. Also liess ich immer mehr Brotwerte weg. Tiefe Blutzuckerwerte versuchte ich zu vermeiden, denn bei Hypos musste ich ja noch zusätzlich essen. Und mmh, dachte ich, wenn ich nicht viel spritze, brauche ich weniger Insulin und das hilft auch. Dazu kam, dass ich wusste, dass ich wohl Gewicht verlieren würde, wenn sich wieder wie vor der Diagnose Ketone bilden würden und mein Körper deswegen die Energie aus meinen Fettzellen gewinnt. Ich muss dazu sagen, dass die Zusammenhänge heute natürlich offensichtlich sind, damals war es eher ein „ausprobieren“. Heute weiss ich auch, dass ich nicht nur unter einer „Anorexia nervosa“ litt, sondern dazu eine „Diabulimie“ kam. Darunter versteht man das absichtliche Weglassen von Insulin (Insulin-Purging), um Gewicht zu verlieren. Irgendwann ass ich nur noch Gemüse und wenn es gar nicht anders ging, ein wenig Obst oder kalorienreduziertes Joghurt.

Kalorien zählen wurde für mich zum Alltag. Jeden Tag stieg ich auf die Wage und führte akribisch Buch darüber, wie viel Gramm ich zu- oder abgenommen hatte. In mein Tagebuch schrieb ich die Kalorienanzahl aller Lebensmittel. Es wurde immer mehr zu einem Teufelskreis. Ich wurde so einsam, denn ich konnte ja niemandem von meinen Gefühlen erzählen und irgendwie wollte ich das auch gar nicht. Meine Gedanken kreisten nur noch um dieses Thema, ich hatte keinen Kopf für anderes mehr. Ich zog mich zurück, denn Essen ist meist eine „Gemeinschaftssache“, vor allem in dem Alter. Morgens krümelte ich Zwieback ins Waschbecken in der Küche, damit es so aussah, als ob ich gefrühstückt hätte. Den ganzen Tag über ass ich nichts (oder Karotten, wenn mir vor Hunger sehr übel war), denn ich musste Kalorien für den Abend sparen, da wir dann als Familie zusammen assen. Auch dort ass ich nur das nötigste und trug meistens Armstulpen, damit ich Brotstücke verschwinden lassen konnte. Wenn ich der Meinung war, zu viele Kalorien zu mir genommen zu haben (also immer), nutzte ich zu Hause unseren Hometrainer, um noch Kalorien zu verbrauchen. Ich wusste zwar, dass ich mich da in irgendwas reinmanövriert hatte, redete es jedoch gleichzeitig immer wieder schön und wollte um jeden Preis vermeiden, dass mich jemand stoppt.

Meine Mutter ist aber eine sehr aufmerksame Frau, daher musste ich wahnsinnig aufpassen, dass sie nichts merkt. Tja, so dumm war sie nicht.

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